{"id":1359,"date":"2020-05-20T22:25:58","date_gmt":"2020-05-20T22:25:58","guid":{"rendered":"https:\/\/hauserehninger.ch\/WP\/?p=1359"},"modified":"2023-09-30T21:07:09","modified_gmt":"2023-09-30T21:07:09","slug":"weitere-eindruecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hauserehninger.ch\/en\/2020\/05\/20\/weitere-eindruecke\/","title":{"rendered":"Weitere Eindr\u00fccke"},"content":{"rendered":"\n<p>Nun sind es schon bald 4 Monate. Vielleicht ist es Zeit, einen weiteren Block zu den Eindr\u00fccken nachzureichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die generellen Eindr\u00fccke haben sich inzwischen verfestigt. Momentan sind von den 16 Studierenden, die ich im 1. Semester betreue, nur ca. 2-4 anhand ihrer aktuellen Punktezahl \u00fcberhaupt berechtigt, die Abschlussexamen zu absolvieren. Die anderen haben Hausarbeiten nie oder nicht ausreichend eingereicht, die Zwischenpr\u00fcfungen nicht wahrgenommen und dann auch auf Verlangen hin kein Arztzeugnis eingereicht oder durch augenscheinliche Inaktivit\u00e4t nicht gen\u00fcgend Punkte in den Examen erreicht. Im zweiten Durchgang kam einer der Studierenden 15 Minuten zu sp\u00e4t zur Pr\u00fcfung, sass ca. eine weitere Viertelstunde mit glasigen Augen vor seiner Arbeit, ohne auch nur einen Strich zu hinterlassen, und ging dann wieder. Auf der anderen Seite gibt es aber auch -haupts\u00e4chlich internationale oder weibliche- Studierende, die starkes Interesse zeigen und so viel wie m\u00f6glich mitnehmen wollen. Ich habe den Eindruck, dass die georgischen M\u00e4nner ziemlich aufpassen m\u00fcssen, dass sie nicht von ihren Frauen in den n\u00e4chsten Jahren elegant von rechts \u00fcberholt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach dem ersten Zwischenexamen, bei dem die H\u00e4lfte der Klasse gar nicht erschienen war, eine kleine &#8216;Predigt&#8217; abliess, in der es darum ging, dass es nicht anginge, nach Europa zu schielen und die ganzen Vorteile zu sehen, aber nicht die Konsequenzen, z.B. bez\u00fcglich der Leistugsbereitschft in Kauf nehmen zu wollen, dass f\u00fcr ein Fach, das mit 6ECTS bewertet wird, von den Studierenden ein Aufwand von 150-180h erwartet wird und ansonsten der Leistungsnachweis eher nicht erbracht werden wird, erntete ich absolute Fassungslosigkeit beim Publikum. Ich meinte, Georgier seien ein stolzes Volk. Auf was sie stolz seien, fragte ich. &#8220;Auf unseren Tanz&#8221;, war eine der Antworten. Und was m\u00fcssten sie tun, um auf den Tanz stolz zu sein? Nach ein wenig Hilfe von meiner Seite kamen sie darauf, dass ohne hartes Training kein Erfolg zu erwarte sei. Aha, die Berechtigung zum Stolz muss also erarbeitet werden. Das war wohl v\u00f6llig neu f\u00fcr meine Zuh\u00f6rer, wie den Gesichtern abzulesen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hat mehr als das halbe Semester an Zeit ben\u00f6tigt, bis f\u00fcr meinen Unterricht im Bereich Internet der Dinge nur ein paar Ports freigeschaltet wurden. Dieses Mal rief ich mitten aus dem Unterricht die IT-Leute an, weil die versprochene Funktionalit\u00e4t (&#8216;By Monday it will all work&#8217;) nicht da war. Und mitten im Unterricht mussten die IT-ler tats\u00e4chlich feststellen, dass die Funktionalit\u00e4t nicht da war und (wieder bei jedem einzelnen Arbeitsplatz) w\u00e4hrend des Unterrichts die Probleme bereinigen. Am erstaunlichsten fand ich jedoch, dass das anscheinend nichts bei ihnen ausl\u00f6ste, keinen \u00c4rger, keine Peinlichkeit, keine Entschuldigung. Es gab mir das Gef\u00fchl, dass dies immer so laufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Meiner Frau Andrea hat ein Taxifahrer blank in&#8217;s Gesicht gesagt. &#8220;Wir Georgier sind alle faul.&#8221; Ich w\u00fcrde das selbst nie so platt formieren, glaube aber schon, dass es da noch eine Menge an Potenzial gibt. Gespr\u00e4che mit lokal Ans\u00e4ssigen ergeben schon immer wieder, dass Arbeit nur gerade minimal erf\u00fcllt wird und dar\u00fcber hinaus nichts erfolgt. Ich denke, dass auch das sich aus der Geschichte dieses Landes, eingeklemmt zwischen vielen Gegnern, erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Wenn es sich dauerhaft nur lohnt, f\u00fcr sich und seine Familie zu arbeiten, dann wird man berechtigterweise f\u00fcr andere nicht mehr tun als unbedingt n\u00f6tig. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch, dass -wenn diese Annahme stimmt- nur durch eine \u00c4nderung der Gesamtmentalit\u00e4t eine \u00c4nderung im Funktionieren der Gesellschaft eintreten kann. Diese kann aber wohl auch nur dann hervorgerufen werden, wenn dieses Gef\u00fchl des &#8216;von Gegnern umgeben sein&#8217; wegfallen kann, was zum grossen Teil wohl nicht in den H\u00e4nden der Georgier selbst ligt. Auf der anderen Seite sind sich die Georgier sehr wohl klar dar\u00fcber, dass sie extrem ihren Traditionen verbunden sind. Sie finden das jedoch tendentiell eher positiv als negativ. Wohin dies f\u00fchrt, kann nur die Zukunft zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben inzwischen erfahren, dass die Arbeitslosigkeit, nicht wie offiziell angegeben bei 19% liegt, sondern inoffiziell bei 35%. Wir haben inzwischen einen Bericht gesehen, der zeigt, dass die meisten Samen zu den Weihnachsb\u00e4umen (Nordmanntannen), die in Deutschland angebaut werden, von wenigen Pfl\u00fcckern in Georgien auf gef\u00e4hrlichste Art und Weise f\u00fcr kaum Geld geerntet werden, haben gelernt, dass die Georgier beim Bildungssystem anscheinend von &#8216;unten herauf&#8217; die gleichen Interessens-, Motivations- und Disziplinprobleme haben, wie ich sie an der Uni erfahre. Das geht so weit, dass Anja und Lotte aufgegeben haben, georgisch zu lernen und den Unterricht nur noch stoisch ertragen. In den meisten F\u00e4chern findet kein wirklicher Unterricht statt. Selbst in F\u00e4chern, die auf Englisch oder Deutsch gehalten werden, f\u00e4llt es meinen T\u00f6chtern schwer, beim vorhandenen L\u00e4rmpegel \u00fcberhaupt mit zu bekommen, um was es geht. Die Kinder von Bekannten sagen \u00fcber die Zust\u00e4nde an der  Deutschen Schule  Tbilisi \u00e4hnliches, einer Schule mit sehr gutem Ruf. Es liegt also eher an der Klientel als an der Qualit\u00e4t und F\u00fchrung einer Schule. Unsere Kinder jedenfalls freuen sich auf Neuseeland, ihre n\u00e4chste Station, durchaus auch mit der Aussage, dass sie dann wieder in &#8216;vern\u00fcnftige&#8217; Schulen gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich geniesse die Zeit in Georgien immer noch sehr, unterrichte trotz aller punktueller Dysfunktionlit\u00e4t des Systems sehr gerne, nehme alle die neuen Erfahrungen gerne auf und mit. Ich werde jedoch auch eine schweizer Organisation nach meiner R\u00fcckkehr deutlich anders zu sch\u00e4tzen wissen. Es gibt wunderbare Menschen hier, wunderbare Landschaften, wunderbaren Wein und wunderbare Momente.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun sind es schon bald 4 Monate. Vielleicht ist es Zeit, einen weiteren Block zu den Eindr\u00fccken nachzureichen. Die generellen Eindr\u00fccke haben sich inzwischen verfestigt. Momentan sind von den 16 Studierenden, die ich im 1. 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