{"id":1139,"date":"2019-11-05T18:49:15","date_gmt":"2019-11-05T18:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/hauserehninger.ch\/WP\/?p=1139"},"modified":"2019-12-14T19:57:17","modified_gmt":"2019-12-14T19:57:17","slug":"eindruecke-zu-den-menschen-in-georgien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hauserehninger.ch\/en\/2019\/11\/05\/eindruecke-zu-den-menschen-in-georgien\/","title":{"rendered":"Eindr\u00fccke zu den Menschen in Georgien"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach bald 2 Monaten in Georgien kann ein kleiner R\u00fcckblick sicher nicht schaden. <\/p>\n\n\n\n<p>Batumi als erste Stadt war ein ziemlicher Schock: Die Fahrweise liess eine extreme R\u00fccksichtslosigkeit und v\u00f6llig fehlendes Vorausschauen sp\u00fcren. Die Leute fuhren ohne R\u00fccksicht auf Vorfahrt oder Sinn so aggressiv, wie ich es noch in keinem Land vorher erlebt hatte. Die Autos sahen auch entsprechend aus. Fehlende Front- und Hecksch\u00fcrzen, teilweise fehlende Karrosserieteile an der Seite oder keine Kotfl\u00fcgel sind keine Seltenheit. Das Interessante ist, dass ich den Eindruck hatte, dass dadurch alle -und zwar auch die extremen Dr\u00e4ngler- l\u00e4nger brauchen, um an&#8217;s Ziel zu kommen. Georgien hat prozentual fast vier Mal so viele Verkehrstote wie Deutschland, auf die Anzahl der Fahrzeuge umgerechnet sogar fast 10 Mal so viele (Quelle: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Wikipedia (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Verkehrstoten\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yXM44g08wY8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Ein guter Eindruck entsteht beim verlinkten Video. Lauter Standardsituationen in Georgien.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Als wir auf dem Weg nach Kutaissi von den grossen Strassen weg kamen, war der Eindruck von der Umgebung ein grossteils \u00e4rmlicher, aber zufriedener. Im Vergleich zu den Bulgariern scheinen die Georgier tendenziell weniger aufzugeben, sondern zufrieden das, was sie haben, zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter parkten wir mit unserem Wohnmobil und dem Skoda Octavia nahe Zqaltubo bei den Wasserf\u00e4llen n\u00f6rdlich des Okatse Canyon in einer Weide und fragten beim daneben liegenden Haus an, ob das in Ordnung sei. 2 1\/2 Stunden sp\u00e4ter, nach reichlichem Essen und freundlichster Unterhaltung auf English und &#8220;Hand- und Fussisch&#8221; durften wir dann zur\u00fcck in&#8217;s Wohnmobil.  Gastfreundschaft pur.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Empfehlung unserer schweizer Bekannten, die urspr\u00fcnglich der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die ganze Reise waren, fuhren wir zu deren Freunden in Tbilisi. Die Aufnahme war \u00e4hnlich aufopferungsvoll wie die Erfahrungen bei Zqaltubo. Es war kein Problem, eine Woche auf dem Grundst\u00fcck mit dem Wohnmobil zu hausen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht die ganze Zeit im Wohnmobil zu wohnen, suchten wir eine Wohnung in Tbilisi. Mit Hilfe unserer Bekannten, die viel ihrer Zeit zur Verf\u00fcgung stellten, war schnell eine passende gefunden. Dann putzten wir 2 1\/2 Tage. Alles war voll mit Fett und Bel\u00e4gen. Wir erfuhren dann, dass dies bei Mietwohnungen recht normal sei. Das gab uns erste Verdachtsmomente bez\u00fcglich der Servicephilosopie in Georgien.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hauserehninger.ch\/WP\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Lampen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1160\" width=\"331\" height=\"334\" srcset=\"https:\/\/blog.hauserehninger.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Lampen.jpg 792w, https:\/\/blog.hauserehninger.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Lampen-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.hauserehninger.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Lampen-297x300.jpg 297w, https:\/\/blog.hauserehninger.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Lampen-768x776.jpg 768w, https:\/\/blog.hauserehninger.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Lampen-100x100.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 331px) 100vw, 331px\" \/><figcaption>Leuchten, vor und nach der Entfettung<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Entgegen vieler Berichte sprechen nur wenige Georgier -auch in Tbilisi- so gut Englisch, dass eine problemlose Verst\u00e4ndigung m\u00f6glich ist. Auch ein Grossteil der Angestellten in \u00f6ffentlichen Berufen beherrscht praktisch kein Englisch: Polizisten, Taxifahrer, Verk\u00e4ufer, Kartenverk\u00e4ufer in der Metro oder in der Oper, Bankangestellte, Angestellte bei den Mobilfunkanbietern. Bei den jungen Leuten ist es sp\u00fcrbar, dass Englisch in der Schule gef\u00f6rdert wird. Trotzdem ist auch dort die Verst\u00e4ndigung keineswegs immer einfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Einkaufen etc. gestaltete sich aber nicht nur wegen der Sprachbarriere zum Teil recht schwierig. Ein Zugehen auf die Kundschaft ist eher selten, der Versuch guter Beratung auch. Das Mass an passiver Ignoranz, das der Kundschaft entgegenschl\u00e4gt, ist manchmal recht beeindruckend. Das gleiche Bild ergibt sich in Gastst\u00e4tten. Der Service gl\u00e4nzt weder durch besondere Freundlichkeit noch durch anderweitige Qualit\u00e4ten. Das Essen allerdings, das man dann bekommt, ist eigentlich immer ausgezeichnet. Inzwischen haben wir erfahren, dass die Arbeit im Service in Georgien einen schlechten Status und entsprechende Bezahlung hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es reichte noch f\u00fcr ein paar Tage in Swanetien. Auch hier durften wir wie selbstverst\u00e4ndlich bei Bekannten von Bekannten das Wohnmobil auf dem Gel\u00e4nde abstellen und bekamen auch Strom und weitere Unterst\u00fctzung wie den unkomplizierten Transfer nach Ushguli. Auch hier Gastfreundschaft pur.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Arbeit an der Uni losging, stellte sich heraus, dass das Semester eine Woche nach hinten verschoben wurde, weil die Infrastrukturumbauten noch nicht abgeschlossen waren. Die Absprachen f\u00fcr meine SW-Bed\u00fcrfnisse im Unterricht waren recht schnell kommuniziert. Drei Wochen sp\u00e4ter -als der Unterricht begann- war von Seiten der IT noch nichts vorbereitet. Das gab mir gute Gelegenheit, Einblicke in die Arbeitsweise zu nehmen. Alle R\u00e4ume haben neue Computer, neue Switches. In einem der Unterrichtsr\u00e4ume kommt man in alle Rechner mit dem Passwort &#8216;123&#8217;, im n\u00e4chsten Raum geht ohne Account nichts, im dritten Raum braucht man gar kein Passwort. Die Studierenden nehmen ihre Daten mit USB-Sticks von Raum zu Raum, die SW wird auf jedem (!!!) Rechner mit USB-Sticks installiert. Ein durchdachtes Konzept f\u00fcr die Gesamtinstallation (mit z.B. Installation \u00fcber Netzwerk) scheint genauso zu fehlen wie ein Gef\u00fchl der Zust\u00e4ndigkeit der IT-Belegschaft f\u00fcr die Installation. Erst 3 Wochen nach Beginn des Semesters, als ich zum dritten Mal bei meiner Vorgesetzten anmahne, sind pl\u00f6tzlich nach 10 Minuten zwei Mitarbeiter der IT da und gehen von PC zu PC mit ihren Installationssticks. Auch hier scheint die gleiche Servicementalit\u00e4t zu herrschen wie in Gastst\u00e4tten und beim Einkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren in Kacheti bei den Eltern unserer Bekannten zur Weinernte eingeladen. Die Arbeit hielt sich in Grenzen, da es der letzte Tag, der letzte Weinberg und dort die letzten Reihen waren. Die Feier danach war daf\u00fcr umso opulenter. Wir wurden wie Familienmitglieder behandelt. Nur die Fahrt hin und zur\u00fcck war aus schon genannten Gr\u00fcnden eher weniger Erinnerungen wert. Es h\u00e4tte leicht auch unsere &#8216;finale&#8217; Heimfahrt werden k\u00f6nnen, nachdem ein entgegenkommender Fahrer seine Kurvenfahrk\u00fcnste \u00fcbersch\u00e4tzt hatte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den zwei Monaten beginnt sich folgendes Bild zu manifestieren. Jeder bzw. jede, die -auch nur tempor\u00e4r- zur Familie geh\u00f6rt, eingeladen ist oder sont assoziiert ist, wird mit aller erdenklichen F\u00fcrsorge umgeben. Von daher r\u00fchrt wahrscheinlich auch der Ruf der georgischen Gastfreundschaft bei Touristen. Es ist wirklich beeindruckend, welcher Aufwand f\u00fcr die G\u00e4ste getrieben wird, welche offensichtliche und ehrliche M\u00fche gegeben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Personen ausserhalb dieses einschliessenden Kreises ist das Interesse extrem verhalten. Das Konzept des Mitdenkens im Bereich des Service ist eher unbekannt, wie wir bei vielen Gelegenheiten erfahren durften, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund. In die gleiche Sparte passt auch das Autofahren. Beim Autofahren kommt jedoch noch eine weitere georgische Eigenheit hinzu. Laut Aussage unserer Bekannten geht es beim Nehmen der Vorfahrt nicht um das Brechen der Regeln, sondern um Positionen. Es ist eine Frage des Egos, der M\u00e4nnlichkeit. Dazu passt auch, dass daf\u00fcr, wie \u00e4rmlich es an vielen Orten zuzughehen scheint, die Autos extrem gross und oft auch sehr gut gepflegt sind. Es wurde uns gesagt, dass es einem Georgier tendenziell schwer f\u00e4llt unter einer weiblichen Vorgesetzten zu arbeiten. Das Institut, an dem ich arbeite, ist stark weiblich gepr\u00e4gt. Ich habe -ausser mir selbst- noch keinen m\u00e4nnlichen Dozenten in diesem Institut getroffen. Es scheint, dass Frauen im Schnitt die bessere Bildung haben. Die Chance verstanden zu werden ist gr\u00f6sser, wenn man eine Frau anspricht. Dazu passt auch meine Erfahrung, dass die Studierenden sich sehr unterschiedlich engagieren. W\u00e4hrend die georgischen M\u00e4nner -wenn sie \u00fcberhaupt erscheinen- wenig Interesse am Fach zeigen, sind die Frauen deutlich engagiert, trauen sich zu fragen und nehmen deutlich mehr mit. Der Machismo ist in der Gesellschaft fest verankert. Das wollen die Georgier zwar nicht so gerne zugeben, aber es blitzt an vielen Stellen hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Georgier schliesse ich meine Familie so fest ein wie m\u00f6glich, G\u00e4ste ebenso, aber nicht Zugeh\u00f6rige betreffen mich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass die Grundhaltung noch aus einer Zeit stammt, in der sie sehr viel Sinn machte. Georgien ist ein kleines Land, dass in seiner Geschichte unentwegt von vielen Seiten attackiert wurde und deren Bewohner sich stets irgendwie behaupten mussten. Der letzt Krieg ist gerade mal um die 10 Jahre her. Die nahe und die weitere Familie ist in diesem Kontext eine Versicherung, deren Wert nicht hoch genug gesch\u00e4tzt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Georgien ist wundersch\u00f6n, daran besteht kein Zweifel. Georgien hat sehr viele ungemein entgegenkommende, freundliche Menschen. Aber Georgien ist bei l\u00e4ngerem Aufenthalt sicher nicht das ultimative Traumland, das man als Tourist erleben kann. Ich lebe gerne hier. Ich arbeite gerne hier. Ich habe wundervolle Bekannte hier. Ich mache mir nur Gedanken \u00fcber die Erscheinungen und Begebenheiten, die nicht zusammenpassen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach bald 2 Monaten in Georgien kann ein kleiner R\u00fcckblick sicher nicht schaden. Batumi als erste Stadt war ein ziemlicher Schock: Die Fahrweise liess eine extreme R\u00fccksichtslosigkeit und v\u00f6llig fehlendes Vorausschauen sp\u00fcren. Die Leute fuhren ohne R\u00fccksicht auf Vorfahrt oder Sinn so aggressiv, wie ich es noch in keinem Land vorher erlebt hatte. 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